Der Glaube und die geschichtliche Entwicklung

Der Hinduismus kennt im Unterschied zu Islam und Christentum keinen Gründer und hat nicht einmal ein einheitliches heiliges Buch. Theoretisch werden zwar die Veden anerkannt, aber im Glauben spielen sie keine Rolle. Der Hinduismus ist in Jahrtausenden gewachsen und hat immer wieder neue Elemente aufgenommen, so auch in jüngster Zeit christliche. Die ältesten Formen der indischen Religiosität gehen zurück auf die Zeit vor der arischen Einwanderung (ab etwa 1500 vor Christus) und sind zum Teil in der tamilischen Spielform noch enthalten. Die Tamilen von Sri Lanka und vom indischen Bundesstaat Tamil Nadu sprechen die gleiche Sprache und gehören zur gleichen ethnischen Gruppe. Durch den seit bald
20 Jahren wütenden Bürgerkrieg auf Sri Lanka kamen seit den frühen achtziger Jahre manche Tamilen in die Schweiz. Die erste Einwanderungswelle in der Region Basel begann 1983. Etliche dieser ersten Generation leben noch hier mit B- und vereinzelt
C-Bewilligung, konnten ihre Familie nachholen oder haben hier geheiratet. Weil viele Kinder geboren wurden, ist das Durchschnittsalter zwangsläufig gesunken. Viele der Tamilenkinder besuchen hier die Schulen.

Schon 1985 wurde der erste tamilische Hindu-Tempel in der Schweiz eröffnet; er war in Basel. Als Lokal dienten in der ersten Zeit ein Kindergartenlokal und ein Keller in einem kleineren Wohnhaus an der Sulzerstrasse 16. Zwei Jahre war ein Raum von Inforel im gleichen Haus am Freitag- und Sonntagabend der Tempel. Die Altäre verschwanden für die übrige Zeit hinter Vorhängen. Wurden anfangs die Gottesdienste von fünf bis zehn Personen besucht, nahm die Zahl immer mehr zu, so dass an den Festen oft weit über 50 Personen in dem kleinen Raum keinen Platz mehr fanden. Deshalb musste die Gemeinde ein anderes Lokal suchen.

Von 1989 bis 1994 hatte die Gemeinde ihren ersten richtigen Tempel im 2. Untergeschoss eines Appartementshauses an der Burgfelderstrasse 25. Auch hier war jeweils am Freitag- und Sonntagabend Puja. Auch dieser Raum war bald wieder zu klein. Beim ersten Fest Vinayakacathurti, das mit der Umkreisung mit dem «Murti» des Gottes Ganescha des Quartiers seinen Höhepunkt hatte. Etwa 200 Personen folgten auf der Strasse und nachher im Tempel dieser eindrücklichen Feier.

Im Mai 1994 konnte an der Mailandstrasse 20 im Dreispitzareal der erste Raum bezogen werden. Schon bald war auch dieser Raum wieder zu klein, so dass der danebenliegende Raum dazu gemietet und die Wand dazwischen herausgerissen wurde. Am 4. September 1996 war die feierliche Einweihung des umgebauten grossen Tempelraumes.

In den folgenden Jahren wurden zusätzlich zwei weitere Tempel errichtet, so dass bei eher abnehmender Zahl von Gläubigen in der Region 3 Tempel bestanden. In der Folge konnten die hohen Mietzinse nicht mehr bezahlt werden, so dass am 2. Juni 2004 alle drei Tempel aufgelöst und als «Hindu Tempel Basel» ein gemeinsamer «Hindu Tempel Basel» für die Region begonnen wurde.

Die Lehre
Bei allen Unterschieden innerhalb der verschiedenen Richtungen des Hinduismus gibt es doch einzelne Gemeinsamkeiten, so den Glauben an ein zyklisches Weltbild. Die Welten und alle Wesen werden erschaffen, sterben und werden wieder neu erschaffen. Dieser Kreislauf hat normalerweise kein Ende. Jede gute und schlechte Tat trägt Früchte, die die nächste Existenz bestimmen. Gemäss dieser sogenannten Karma-Lehre erfolgt die Geburt in einer bestimmten Kaste. Traditionell gibt es vier Kasten: Brahmanen = Priester; Kschatriya = Krieger- und Königskaste; Vaischya, «Mann des Volkes» = Bauern und Handwerker; Schûdra, die unterste Kaste. Im Verlauf der Zeit hat sich die hinduistische Gesellschaft in mindestens 2 000 Kasten und Unterkasten aufgespalten. Bei den Tamilen haben sich in den letzten Jahren die Kastenunterschiede recht verwischt. Nur die Zugehörigkeit zur Brahmanenkaste ist wichtig, weil nur Brahmanen Priester werden können.

Innerhalb des heutigen Hinduismus gibt es unter vielen anderen zwei grosse Bewegungen. Die Vischnuiten (oder Vaischnava) verehren als Hauptgott Vischnu und seine verschiedenen Avatare, das heisst «Herabstiege» von Gottheiten. Ein Teil von ihnen verehrt in erster Linie oder sogar ausschliesslich Krischna. Von dieser Richtung finden wir im Westen die «Krischna-Bewegung»; eine Minderheit der Tamilen bildet innerhalb der Krischna-Bewegung eine eigene Gruppe. Die Schivaiten (oder Schaivas) haben als Hauptgott Schiva. Seiner Familie kommt hohe Verehrung zu. Zu dieser Richtung zählt sich die Mehrheit der tamilischen Hindus.

Hindus werden als Polytheisten bezeichnet, weil sie mehrere Götter verehren. Für beinahe jeden Aspekt des Lebens ist ein anderer Gott oder eine andere Göttin zuständig. Es gibt auch die philosophische Einstellung, dass alle Götter verschiedene Erscheinungsformen oder Gesichter des einen Gottes sind.

Tamilen verehren einzelne Göttinnen und Götter bevorzugt. Allen voran Ganescha. Er gilt als der erste Sohn von Schiva und Parvati. Ganescha hat mehrere Namen: Ganapati, Vinayakar, Pilleyar. Im Tempel ist jeweils die erste Puja (=Verehrung, Anbetung) zu Ganescha. Vor jeder neuen Handlung wird zu diesem volkstümlichen Gott gebetet. Sein «Reittier» ist eine Ratte.

Obwohl Tamilen Schivaiten sind, spielt Schiva in der Verehrung eine eher untergeordnete Rolle. Wir finden zwar in den Tempeln einen Schiva-Altar, aber meistens ist es nur einer der kleinen Nebenaltäre.

Wichtiger ist Schivas Frau Parvati. Sie wird auch Amma, Mutter, genannt.

Im Herbst wird Navaratri gefeiert. Dies ist das Neuntagefest für drei Göttinnen. Die erste Göttin ist Lakschmi, die Spenderin des materiellen Wohlergehens, die zweite ist Parvati. Als dritte und letzte wird Sarasvati verehrt. Diese Göttin ist für Bildung, Kunst und Musik zuständig.

Bevor die kleinen Kinder in die Schule oder den Kindergarten gehen, werden sie für einen speziellen Sarasvati-Segen in den Tempel gebracht.

Murugan ist der zweite Sohn von Schiva und Parvati und der Bruder von Ganescha. Er gilt als Überwinder von Tyrannen und ist deshalb für Tamilen sehr wichtig. Für ihn wird im November das Fest Suranpor gefeiert. Dabei wird die Legende der Überwindung des Tyrannen durch Murugan nachgespielt.

Beim Tempeleingang ist der Altar für Vairavar. Diesen Gott und Tempelwächter finden wir nur in Tempeln, aber im Gegensatz zu den anderen Göttinnen und Göttern nie in einer Wohnung.

Literatur:
Christoph Peter Baumann: Tamilische Hindus und Tempel in der Schweiz: Überblick und exemplarische Vertiefung anhand der Geschichte des Vinayakar-Tempels in Basel. in: Tempel und Tamilen in zweiter Heimat. Hindus aus Sri Lanka im deutschsprachigen und skandinavischen Raum. [Martin Baumann, Brigitte Luchesi, Annette Wilke (Hrsg.)]. S. 275-294
, 2003 Ergon-Verlag

[int.Nr.: 22e1]

Aktualisiert: 18.7.2004