Islam in der Nordwestschweiz

Weltweit gibt es über eine Milliarde Muslime, der Islam ist damit die zweitgrösste Religion nach dem Christentum. Im Streifen der klassisch-islamischen Länder vom Magreb bis zum Indus und nach Innerasien sind über 90% der Bevölkerung Muslime. Viele Muslime leben auch in diversen Staaten südlich der Sahara und in Südasien, muslimische Minderheiten gibt es auf dem Balkan, in Indien und anderen Gebieten. Heute leben zwei Drittel der Muslime in Südasien.

Erste Muslime kamen mit der Einwanderung in den Sechzigerjahren nach Basel, ihre Zahl nahm im Laufe der siebziger Jahre weiter zu.

Bei der Volkszählung 1990 gaben im Kanton Basel-Stadt 7 878, im Kanton Basel-Landschaft 6 300 Menschen als Religion «Islam» an.

Bei der Volkszählung im Jahr 2000 sind unter «islamische Gemeinschaften» für die Schweiz 310 807 Menschen aufgeführt. Dabei zeigen sich einige geographische Schwerpunkte in der Nordost- und der Nordwest-Schweiz und um Genf. Die Zahlen für Basel-Stadt: 12'643, Basel-Landschaft: 11053.

Viele Muslime kommen aus der Türkei und aus Ex-Jugoslawien, einzelne aus vielen anderen Ländern.

Die meisten Muslime in Basel wohnen in Kleinhüningen, im Klybeck-, Matthäus- und Gundeldinger-Quartier und um den Voltaplatz.

Im Kanton Basel-Landschaft sind die Muslime auf den ganzen Kanton verteilt.

Muslime aus der Türkei

Eine Gruppe türkisch-sunnitischer Muslime begann sich Anfang der Siebziger Jahre an wechselnden Orten regelmässig für das gemeinsame Freitagsgebet zu treffen. So in Frenkendorf, Pratteln, Muttenz, Allschwil und Basel. Als Lokale dienten anfänglich kirchliche oder soziale Räumlichkeiten, die sie für ein Fest, während des Ramadans, oder ein- bis mehrmals wöchentlich benützten.

Sie beteten gemeinsam, übten sich im Lesen des Koran und begannen, ihr Wissen ihren Kindern weiterzugeben. Bald entstanden erste Vereine mit festen Strukturen. So gibt es seit 1971 Jahren islamische Zentren (Mescid, Moschee) in Liestal im Palazzohaus und in der Kaserne in Basel. Andere Vereine mussten mehrmals das Lokal wechseln. Zur Zeit treffen sich türkisch-sunnitische Muslime in fünf Lokalen in Basel und je in einem in Bottmingen, Liestal und Muttenz.

Entwicklung der Zahl der Muslime und Türken in Basel
(Wohnbevölkerung; Zahlen aus den Volkszählungen 1960–1990)

Jahr
Anzahl Muslime
Anzahl Türken
1960
4
13
1970
463
313
1980
2 156
1 802
1990
7 878
6 510
2000
12643
8281

Diese Statistik ist erklärungsbedürftig. Es wird bei diesen Zahlen angenommen, dass die Gleichung «Türkischer Staatsbürger = Muslim» gilt. Aus der Türkei kommen aber auch Christen und Konfessionslose. Zu beachten ist auch, dass seit 1990 viele Türken das Schweizer Bürgerrecht erlangt haben und damit nicht mehr in diesen Zahlen vorkommen.

Kurden

Die Kurden, die in der Region Basel leben, haben in der Regel einen türkischen Pass, aber in ihrem Selbstverständnis und auch oft in der Fremdeinschätzung sind sie nicht einfach Türken. Manche von ihnen sind als Asylbewerber in die Schweiz gekommen. Sie sind in den Moscheen selten anzutreffen, obwohl ein Teil der Kurden Sunniten sind. Manche sind entweder religiös gleichgültig oder aber sie verstehen sich dezidiert als «Revolutionäre», die mit dem Islam nichts zu tun haben wollen. Umgekehrt werden Muslime, wenn sie sich als Kurden verstehen und sich als solche zu erkennen geben, von manchen türkischen Sunniten abgelehnt. Die Mehrheit der Kurden sind sunnitische Muslime, aber ein beträchtlicher Teil der Kurden in der Region Basel sind Aleviten.

Aleviten aus der Türkei

Bei Statistiken werden die Aleviten einfach zu den türkischen Muslimen dazugerechnet, was nicht zulässig ist. Aleviten müssen gesondert behandelt werden. In den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft leben überproportional viele Aleviten. Hochrechnungen gehen davon aus, dass etwa 30–40% der Türken beider Basel Aleviten sind, also mindestens 3 000 bis 3 500. Eine zunehmende Zahl hat das Schweizer Bürgerrecht und erscheint deshalb nicht mehr in der offiziellen Statistik.

Aleviten haben in Basel erst 1991/1992 angefangen, sich zu organisieren. Zur Zeit gibt es in den beiden Halbkantonen fünf alevitische Vereine. Weil die Aleviten eine ganz andere Ausprägung haben, werden sie von vielen Muslimen, aber auch von etlichen Aleviten, nicht als dem Islam zugehörig betrachtet. Nachfolgend sind Aleviten ausgeklammert, wenn wir nicht ausdrücklich das Gegenteil schreiben!

Arabisch-sprachige Muslime

Muslime aus Algerien, Marokko, Tunesien, Ägypten, Syrien etc. treffen sich an der Friedensgasse. Die Freitagspredigt wird in Arabisch gehalten. 1987 wollten türkische Muslime dort ein multinationales islamisches Zentrum einrichten, doch konnten sie wegen des breiten Widerstandes unter anderem der Anwohner das Zentrum nicht ausbauen. Die Stiftung ging in die Hände von Saudis über, so dass die heutige Entwicklung möglich wurde. 2003 gründete eine Gruppe arabischsprachige Muslime an der Elsässerstrasse einen weiteren Gebetsraum

Pakistanische Muslime

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Pakistani Muslime sind, ist in unserer Region keine Organisation bekannt. Die wenigen praktizierenden Muslime aus Pakistan sind vorwiegend Besucher des islamischen Zentrums an der Friedensgasse. Ein Teil der Pakistani sind Schiiten. Bis jetzt haben sie sich hier noch nicht organisiert.

Albanische Muslime

Albanische Muslime in Basel erhielten anfänglich bei ihren türkischen Glaubensbrüdern Gastrecht. Das heisst, sie organisierten beim Freitagsgebet während der Predigt eine eigene Zusammenkunft mit Predigt durch einen albanischen Hodscha. Bis 2001 trafen sie sich im islamischen Zentrum an der Friedensgasse unter dem Namen «Albanischer Verein/Islamischer Verein Besimtari», bis sie ein eigenes Lokal mieteten. Im Sommer 2003 spaltete sich der Verein aus Platzgründen. Der «Islamische Verein Besimtari» und der «Kulturverein „Paqja“» vertreten aber den gleichen Islam.

Ein weiterer 1997 gegründeter Albanerverein hingegen kümmert sich nur um soziale, nicht aber um religiöse Angelegenheiten.

Bosnische Muslime

Bosnier organisierten in den letzten Jahren gesamtschweizerisch an 22 Orten eigene bosnische Kulturzentren. Dabei ist die Ausübung des Glaubens nur ein Bestandteil dieser Zentren. Bosnier leben den Islam sehr liberal. So gibt es bei ihnen zum Beispiel kaum eine Unterscheidung in eine Männer- und eine Frauenwelt. Die Frauen tragen normalerweise auch kein Kopftuch. Deshalb werden sie von manchen Muslimen anderer Nationalitäten abgelehnt.

Schweizer Muslime

Neben den Muslimen, die aus ihrer Heimat ihre angestammte Religion mitbringen, gibt es Schweizerinnen und Schweizer, die zum Islam übertreten. Als Kuriosität sei hier Johann Ludwig Burckhardt, alias Scheich Ibrahim, erwähnt. Er lebte von 1784–1817 und gilt als erster Muslim aus Basel. Als erster Mitteleuropäer machte er die Hadsch nach Mekka. Manche der Schweizer Musliminnen und Muslime sind Angehörige einer Sufi-Gruppe. Schweizer Muslime treten kaum in Erscheinung. Die wenigen, die eine Mescid besuchen, sind vereinzelt als Gäste in einem der türkischen Zentren oder an der Friedensgasse anzutreffen. Weil immer mehr Muslime aus den verschiedensten Ländern in der Schweiz eingebürgert werden, erscheinen sie statistisch auch als Schweizer.

«Multinational» oder National?

Im Zusammenhang mit der drohenden Schliessung des islamischen Zentrums an der Friedensgasse wurde dieses als «interkulturelles» und «internationales» Zentrum bezeichnet. Wenn die Nationalitäten der Besucher betrachtet werden, stimmt dies sicher. Allerdings ist die Zusammensetzung nicht so heterogen, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ein sehr grosser Teil der Besucher ist nämlich arabischer Muttersprache. Die einzige grössere Gruppe, die nicht arabischer Muttersprache ist, ist die der Albaner.

In der Praxis der islamischen Zentren stossen zwei Fakten aufeinander.

Auf der einen Seite wird die «Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, die durch den Islam zusammengehalten wird und über Abstammung, Verwandtschaft, Rasse und Status hinausgeht» betont. [Ahmad von Denffer: Kleines Wörterbuch des Islam. Lützelbach 2. Auflage 1994 / 1406. S. 164.]

Alle Muslime sind in allen Moscheen zum Gebet willkommen.

Auf der andern Seite sind die Mescid aber nach Sprachen getrennt.

Das Freitagsgebet (Cuma) ist für Muslime der Hauptgottesdienst der Woche. Wer irgend kann, besucht ihn. Ein wichtiger Bestandteil ist die Predigt, die jeweils in der Landessprache gehalten wird. Deshalb sind der Multinationalität enge Grenzen gesetzt. Dass Anderssprachige einer Predigt zuhören, die sie nicht verstehen, ist doch eher die Ausnahme.

Auch beim allfälligen Teetrinken vor oder nach dem Freitagsgebet ist meistens nur eine Sprache zu hören. So gibt es eine Trennung nach Sprachen.

Der vor allem aus «interreligiösen Kreisen» geäusserte Wunsch, dass alle Muslime der Gegend sich in einer einzigen grossen Moschee versammeln sollten, geht unter anderem aus sprachlichen Gründen an der Realität vorbei.

Zugehörigkeit zu verschiedenen Richtungen

Weltweit gibt es etwa eine Milliarde Menschen, die sich zum Islam bekennen. Davon sind 85–90% Sunniten, der Rest Schiiten, Aleviten und weitere Minderheiten.

In der Schweiz leben etwa 15'000 bis 20'000 Schiiten. Sie haben 5 Zentren, aber bis jetzt noch keines in Basel. Die wenigen Schiiten in Basel, die öffentlich ihre Religion leben, sind in sunnitischen Zentren anzutreffen.

Die meisten Sunniten in der Region Nordwestschweiz gehören der hanefitischen Rechtsschule an. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rechtsschule ist aber in der Praxis unwesentlich.

Die Aleviten hielten sich lange bedeckt wegen der unsicheren Situation in ihrer Heimat, der Türkei. Sie wagten anfangs der Neunzigerjahre ihr coming out. 1992 wurde das erste Zentrum der Schweiz in Basel eröffnet, das schon bald zu klein wurde. Der Alevitisch-Bektaschitische Verein spaltete sich zweimal. Einer der beiden Vereine löste sich wieder auf, der andere hat sein Zentrum in Basel.

Von 1994–1999 gab es in der Nordwestschweiz zusätzlich eine Gruppierung von kurdischen Aleviten, die vor allem an Demonstrationen präsent waren. Sie organisierten an wechselnden Orten Kulturfeste. Ein weiterer kurdisch-alevitischer Verein eröffnete 1998 sein Lokal in Basel beim Wettsteinplatz.. Heute gibt es in der Schweiz insgesamt etwa 15 alevitische Vereine.

[int.Nr.: 21e1]

Aktualisiert 10.2.2005

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